domingo, agosto 27, 2006

IMMOBILIENBESITZ

Warum die Deutschen lieber mieten
Von Arne Gottschalck
Anders als etwa in Spanien oder Irland wohnen in Deutschland die meisten Bürger zur Miete. Der Staat sei daran nicht ganz unschuldig, befindet das Deutsche Institut für Altersvorsorge.
Hamburg - Die Stimmung im deutschen Baugewerbe ist gut, zumindest gemessen an den aktuellen Zahlen. Immerhin verbuchte der Hauptverband der Deutschen Bauindustrie im ersten Halbjahr 8,6 Prozent mehr Aufträge als im vergleichbaren Zeitraum des Vorjahres. Damit wären die Erlöse der Branche zum ersten Mal seit sieben Jahren gestiegen. Auch die neuen Bundesländer sind von dieser Entwicklung betroffen. Deutschland - einig Immobilienwunderland?
Wohl kaum. Deutschland ist beileibe keine Hochburg der Immobilieneigner. Noch immer liegt die Eigentumsquote bei nur etwas über 40 Prozent. Diese Quote stellt fest, welcher Prozentsatz der Haushalte im eigenen Haus oder in der eigenen Wohnung leben. Nur in der Schweiz liegt der Vergleichswert noch niedriger.
Der Erwerb von Wohneigentum sei in Deutschland oft zu teuer, stellt das Deutsche Institut für Altersvorsorge (DIA) dazu fest, das von der Deutschen Bank und der Zürich Gruppe finanziert wird. Während in den USA beispielsweise für ein Haus oder eine Wohnung im Schnitt nur zwei bis drei Nettojahresgehälter aufgebracht werden müssen, ist es in Deutschland mit fünf bis sechs Gehältern fast das Doppelte.
Zudem ist der Eigentumserwerb aus Sicht des DIA oft zu bürokratisch. In Deutschland finanzieren Banken den Kauf von Wohneigentum nur unter strengen Voraussetzungen. Regelmäßig, so die Studie, verlangen sie ein Eigenkapitalanteil von 25 Prozent. In anderen Ländern wird das lässiger gehandhabt. In Irland beispielsweise genügen zehn Prozent des Kaufpreises - und das Gehalt ist eher uninteressant. In Dänemark sind es nur fünf Prozent.
Keine Lust auf Eigentum
Allerdings, so räumt das DIA auch ein, fördere ein attraktiver Mietmarkt nicht gerade die Lust auf die eigene Wohnung. Ein extremes Beispiel ist Berlin, wo nur gut jeder neunte Haushalt in den eigenen vier Wänden lebt: Die Mieten für vergleichbare Wohnungen sind im Vergleich zu anderen Großstädten in Deutschland einfach zu günstig. Die deutsche Immobilienabstinenz allein an einer Ursache festzumachen, sei also nicht möglich, so die Studie.

So wohnt die Welt
Land
Eigentumsquote in Prozent
Spanien
81
Irland
78
USA
69
Großbritannien
69
Österreich
57
Frankreich
56
Niederlande
54
Dänemark
51
Schweden
46
Deutschland
43
Schweiz
35

Quelle: DIA, Stand 2006

Es müsse sich jedenfalls einiges ändern, um mit den Nachbarn gleichzuziehen, fordert Bernd Katzenstein, Sprecher des DIA. Am besten gleich ein "ganzes Maßnahmenbündel". Zum Beispiel, indem die Riester-Förderung auch für das Ansparen von Wohneigentum gälte.
Dabei kommt dem Kölner Institut eine aktuelle Entwicklung ganz gelegen: Denn die jüngeren Menschen haben begriffen, dass sie sich für ihren Ruhestand nicht allein auf die staatliche Rente werden verlassen können, sondern eigenverantwortlich vorsorgen müssen. Sparen also. Dazu sind sie bereit. Und Immobilieneigner können mehr beiseitelegen als Mieter, so die Erhebung: Während die einen bis zum Renteneintritt gut acht Jahreseinkommen ansparen konnten, war es bei den Mietern nicht einmal sieben.
Und das, obwohl der Eigentümer doch jahrelang seine Kredite abzahlen muss. Das Eigentum führe nämlich zu etwas, was die Studie als "Zwangsspareffekt" bezeichnet und das sich nicht nur zum Beispiel auf die Zahlung der Zinsen der Kredite erstreckt, sondern das gesamte Sparverhalten. Und auch das Arbeitsverhalten ändere sich bei Erwerb einer Immobilie - während in Mieterhaushalten oft nur einer oder eine für das Geldverdienen zuständig ist, können Eigentümer oft gar nicht anders, als beide arbeiten zu gehen - eben um die Kredite zu bedienen.
Die Lösung für die jüngere Generation wäre also Wohneigentum. Ein Paradigmenwechsel: Aktuell sind es noch die Älteren, die Wohnungen besitzen - einfach weil Immobilien in den 60er und 70er Jahren in Relation zum Einkommen günstiger waren als heute. Wurden damals in den alten Bundesländern 4,3 Bruttojahreseinkommen für ein Eigenheim gezahlt, sind es heute 6,7.
Ideale Lösung, so das DIA, wäre die Riesterförderung. Damit wäre dem Staat geholfen, der jüngeren Bevölkerung - und der Bauindustrie sowieso. Dass auch die Geldgeber vom DIA daran verdienen würden, sei nur am Rande festgestellt.